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Die Estländer haben Nerven, und die Ruhe weg. Aber vor allem Humor.

Klar hat man nun so seine ganz eigenen Vorstellungen von einem Montageteam so eines Häuslebauers: mindestens 4-5 Leute, alle fein mit Helm auf dem Kopf, stets im emsigen Gewusel zwischen Haus und Lagerstätte und umgekehrt. Begleitet von Anweisungen in Baustellenmanier, dass sich ein Laie die Ohren zuhält…

Doch dann stehen im November 2 Arbeiter und ein halbe Kraft vor uns, mit Strickmützen auf dem Kopf und kurzärmlig im T-Shirt. Einer stehend auf den Dachbalken, der andere gerade noch mit einem Fuß auf einer Haushaltstrittleiter, um die Dachsparren zu verrücken und zu befestigen, dass es bei diesem Anblick einen Arbeitsschutzinspektor ins plötzliche Koma hauen würde. Auf einen Schlag kann man kurz gläubig werden und beten dass jetzt nichts Schlimmeres passiert. Der kleine Handlanger hält wie zur Beruhigung die Leiter und reicht abwechselnd Blechwinkel und Schrauben hoch. Ist es erschreckend, dass das Ganze auch noch so routiniert wirkt? Selbst unser Nachbar hat ein Einsehen und stellt ihnen ungefragt seine lange Holzleiter an die Wand. Wir tun es ihm gleich und rüsten die Truppe noch mit unserer höhenverstellbaren kippsicheren Baustellenleiter aus.

Sie verschwinden, und eine Woche lang hören und sehen wir nichts mehr von ihnen bis plötzlich ein Anruf kommt wo denn der Kran bliebe? Der LKW mit einer weiteren Ladung stände vor dem Tor und sie möchten abladen.
Dabei hatte uns vorher niemand etwas von einer zweiten Lieferung erzählt und schon gar nicht von einem weiteren benötigtem Kran. Ad hoc geht da schon mal gar nichts. So ein Kran ist beliebt und möchte ein halbes Jahr vorher wissen dass er gebraucht wird. Und ob sie es nun glauben oder auch nicht – da müssen sie nun selbst ran.
Wir finden am Abend eine Menge Packstücke mit über 5 Meter langen Holzlatten und auch weitere 2 Paletten mit Rigipsplatten vor dem Haus. Von Handwerkern aber weiterhin keine Spur.

Erst Mitte Dezember kamen sie noch einmal auf unsere Baustelle zurück. Einen ganzen Nachmittag und am darauffolgendem Tag den ganzen Vormittag, gaben sie nochmal alles. Aber nicht nur unsere terminliche Verabredung für den Nachmittag ließen sie danach links liegen und verschwanden. Und diesmal für immer.

Zu unserem Glück hatten wir uns beizeiten um einen Dachdecker bemüht, der parat stand und uns jetzt schnell das Dach winterfest fertig deckte, bevor der Schnee kam. Und es fiel reichlich Schnee Anfang des Jahres. Die Dachunterstände waren noch offen und der Wind und später dann der Sturm zerrten unentwegt an der Unterspannbahn. Es zog durch alle Ritzen. Es wurde eiskalt.
Am Weihnachtstag kam schnell noch einmal unser Tiefbauer vorbei und verlängerte provisorisch die Regenrohre, um mögliches Wasser vom Haus wegzuführen, damit es nicht ins Fundament läuft.

Wir holten im Januar bei 2 Grad alle 60 Dämmmattenrollen aus dem Vorgarten ins Haus. Was sicher nicht jeder Maus gefiel. Denn mindestens eine hatte sich durch die Folie genagt und sich dort ein kuscheliges warmes Winterquartier angelegt. So leid es uns tat – die Rollen mussten dringend ins Trockene. Wasserdicht sind die nicht verpackt. Was waren wir danach aber fertig!
Wir holten auch zum wiederholten Mal das 5 Meter lange Bauholz ins trockene Haus. Immer wieder, und bei jedem Wetter, wurde es von den Handwerkern einfach vor die Tür geschmissen um Platz zum Ausbau zu erhalten. Aber da hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben das Holz aus diesem einen offenen Paket nach Arbeitsschluss gut und sicher unterzubringen. Was waren wir auch da jedesmal fertig!
Wir schlugen auch zum wiederholten Mal draußen vorm Haus die geöffneten Holzpakete wieder ordentlich mit der Plane zu und beschwerten diese.
Die Rigipsplatten zweier Paletten trugen wir einzeln ins Haus. Über die beiden anderen Rigips Paletten im Vorgarten möchte ich nichts weiter sagen. Ein großer Teil war später nicht mehr zu verwenden. Wir haben alles getan was in unserer Macht stand und was unser Platz hergab.

Und dann gibt es doch noch unerwartet diese schönen Momente. Diese, in denen mein Herz aufgeht und plötzlich auch all diese Plackerei und der Ärger für eine Weile vergessen ist. Und es auch so angenehm ist, festzustellen, dass andere Leute genauso ticken wie man selbst.
Ich bin gerade im Haus und bugsiere schweißtreibend die großen schweren Dämmrollen, die mir mein Meister reinrollt, an ihren Platz. Da höre ich meinen Meister draußen mit einem älteren Paar reden. Üblicherweise sind es die Fragen nach dem Termin der Fertigstellung und des Einzugs. Hier aber plötzlich anders und völlig neu:
„Wir freuen uns das sie hier her ziehen.“ höre ich da und stutze.
Und weiter: „Ihr Haus ist ja so schön. Das hat uns gleich gefallen. Wir haben es uns schon ein paar Mal angeschaut. Und es riecht so gut.“
Wirklich? Habe ich das gerade wirklich gehört? Es riecht so gut? DAS hat noch jemand bemerkt? Und man freut sich auf unseren Einzug? Haach… tut das gut.
Und die Unterspannbahn des Häuschens knistert leise.

Lasst es Euch gut gehen.