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derhalsdergiraffe

“Sie sehen, niemand – kein Tier, kein Mensch – kann ganz für sich allein existieren. Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.”

Eigentlich lese ich im Urlaub ausschließlich entspannende Lektüre. Ich mag keine Krimis, sondern lese nur leichte Kost, ohne große Aufregung. Unterhaltung pur. Ein bisschen was von Reiseabenteuern, hin und wieder eine Lebensgeschichte … so in der Art. Mit etwas Anspruch selbstverständlich.

Nun hätte ich beim Kauf des Buches “Der Hals der Giraffe” vielleicht schon bei dem Untertitel ‘Bildungsroman’ stutzig werden sollen, aber wer nimmt so einen Aufdruck schon ernst? Zudem hätte mir aber auch der Pappeinband verdeutlichen können: hier handelt es sich um gelebte Biologie und um nix anderes!

So habe ich nun in meinem Urlaub mit einer pubertierenden 9. Klasse am Strand gesessen und den Biologieunterricht von Frau Lohmark hospitiert. Und das war nicht ganz einfach. Dafür aber um so lustiger.

Frau Lohmark ist nicht einfach. Denn sie hasst ihre Klasse und empfindet ihre Schüler als faules Fleisch. Ständig ist sie bemüht diese sich im Wachstum befindlichen Landwirbeltiere aus ihrer Schockstarre zu holen und dazu zu bringen, wenigstens mal um eine Ecke zu denken. Wie soll das aber gehen, wenn bei den meisten das Hirn ein Hohlorgan ist? Und es sich vor allem nicht lohnt, die Schwachen mitzuschleifen? Und jeder einen anderen Vorwand hat nicht lernen zu müssen? Womöglich gibt es auch schon eine Biologie-Allergie.
Das kann sie nicht durchgehen lassen. Das wären dann Parasiten am gesunden Klassenkörper. Dagegen MUSS sie vorgehen!
Zu
m Beispiel mit Fragen wie: “Wo lebt der Auerochse heute?” Natürlich kommt von Kevin (wie sonst?) die Antwort:”In Bayern.”
Und schon schwankt sie wieder zwischen Wut und Mitleid. Da ist er. Einer der Unterbelichteten, der sowieso früher oder später auf der Strecke bleiben wird. Es war nur empfehlenswert, ihn mit der Wahrheit so früh wie möglich zu konfrontieren….

Den Gegenpart dazu gibt ihre Kollegin Frau Schwanneke. Sie hält grundsätzlich alle ihre Schüler für die Zukunft. Und um ihr besonders inniges Verhältnis zu ihnen zu betonen ist sie mit jedem Schüler auf du und du. Aber was soll man schon von einer erwarten, die aus Bankreihen Buchstaben und aus Stühlen Halbkreise formte?

Es ist der letzte Jahrgang, den sie unterrichten werden. Es war der geburtenschwächste Jahrgang im Bundesland. Und diese Endzeitstimmung verbreitet sich unaufhörlich. Keiner weiß wo es mal hingehen soll, es gibt keinen Plan.
Dabei hat doch die Biologie für alles einen Plan. Und das macht es für Frau Lohmark noch unverständlicher. Diese Unfertigkeiten ihrer Schüler, was hat sich die Natur da nur einfallen lassen?

Und so tut sie vorerst weiterhin ihren Job. Ohne Aussicht auf längere Beschäftigung. Ihr Arbeitsplatz soll Ende des Jahres wegfallen. Und ihre Schüler sitzen vermeintlich ihre Zeit nur ab. Was gibt es auch schon für Erfolgsaussichten in Vorpommern, wenn sie selbst schon keine hat.
Ihre größte Angst: ihre letzte gestreute Saat könnte nicht aufgehen. Dabei ist sie doch eine Verfechterin der verbesserten Zucht. Entwicklung war etwas anderes als Wachstum. Dass qualitative und quantitative Veränderung weitestgehend unabhängig voneinander geschah, wird ihr hier erschreckend eindrücklich demonstriert.

Und trotzdem oder gerade deswegen predigt diese Frau Lohmark die Herkunft und Fortpflanzung aller Lebewesen runter, dass es einem beim lesen manchmal schwindlig wird und es schon beginnt anstrengend zu werden. Die Geschichte mit dem Hals der Giraffe steht da nur exemplarisch für all die anderen Anpassungen ans Leben.

Frau Schalansky hat ihrer Hauptfigur einen herrlichen bissigen Humor auf den Leib geschrieben.
Ich
wurde ständig an das Pärchen Frau Lehmann-Brack und Frau Nölle von den Missfits erinnert. Wer diese Figuren liebt, wird dieses Buch ebenso schnell verschlingen wie ich.

Die gesamte Biologie Thematik ist vielleicht an machen Stellen etwas zu viel, aber trotzdem sehr lehrreich. So einige Male kam bei mir der Aha-Effekt: ja, klar – genau so mal in der Schule gelernt. Anderes war für mich völlig neu. Frau Schalansky hat für dieses Buch intensivst recherchiert oder einige Semester Biologie studiert. Den Untertitel ‘Bildungsroman’ trägt es wirklich zu recht. Und um was dazu zu lernen ist man ja nie zu alt.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag.
Und meinem kleinen östlichen Teil wünsche ich einen schönen geruhsamen Feiertag. 

Lasst es Euch gut gehen.

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